Graz Österreich und Stettin Polen
Text für „Diagonal“, Radiosender Ö1, Juli 2003
Die Bewohner des schönsten Vororts von Graz sind eifersüchtig. Sie wollen nicht wahrhaben, dass alle Welt aufgehört hat, von der Donauinsel zu sprechen und nur mehr über die Murinsel redet. Jetzt fehlt nur noch das Murinselfest. Außerdem irritiert es die Bewohner des schönsten Vororts, dass Graz alles richtig macht. Früher gab es in den Grazer Straßenbahnen Auffangbehälter, auf denen stand: „Abgefahrene Fahrscheine“. Diese Zeit ist vorbei. Graz ist plötzlich keine ganz normale Stadt mehr, Graz ist Lebensgefühl und Künstlerversorgung.
Vor zwei Jahren besuchte ich die Kulturhauptstadt 2001, Porto. Nichts war fertig. Alle Hauptprojekte wurden auf 2002 verschoben. 2003 fuhr ich wieder hin. Das Hauptprojekt, der Bau der Ubahn, steht mittlerweile knapp vor dem Abschluss. Oder jedenfalls verkünden das alte, zerfledderte, von der Stadtgemeinde an das Baugitter geheftete Zettelchen, die dazu dienen, die Bevölkerung zu beruhigen.
Die Eifersucht ist mittlerweile so groß geworden, dass man im schönsten Vorort von Graz Sätze wie diesen hört. „Ich kann das Wort GRAZ nicht mehr hören. GRAZ GRAZ GRAAAZ! Es ist genug. Ab 2004 ist dieses Wort VERBOTEN!“
Letzte Woche fuhr ich durch Vorarlberg. Dort gibt es einen Ort namens Braz. Keiner hatte mir vorher je davon erzählt. Als ich aus dem Fenster blickte und das blaue ÖBB-Schild las, war ich keineswegs auf Braz vorbereitet,.
Um Himmels Willen, dachte ich unwillkürlich. Braz 2004.
Stettin ist eine ganz normale Stadt in Nordpolen. Wenn die Ampeln rot zeigen, bleiben die Nordpolen wie angewurzelt stehen, bis die Ampeln grün zeigen. Bei Grün gehen die Nordpolen gleichzeitig los.
Auf der Straße verkaufen alte Frauen Zwetschgen und Jungzwiebeln. In den Gastgärten trinken Schülerinnen eiskaltes Bier. Deutsche Touristen sitzen auf den schattigen Bänken am Flussufer und grübeln darüber nach, ob man Stettin auf Polnisch mit vier oder fünf CZ schreibt.
Doch das allerschönste an Stettin sind die Supermärkte: Es gibt hier noch die Warenvielfalt des Kapitalismus, die wir in Städten wie Graz nur bis Mitte der Neunzigerjahre genießen konnten, ehe zwei Semi-Monopolisten den Lebensmittelhandel unter ihre Kontrolle brachten. Besuchen Sie Polen, wählen sie zwischen 25 Ketchup-Sorten und 5 Jalapeno-Saucen, besuchen Sie Stettin!