Hallstatt / Österreich

„Der Standard“, 18. August 2006


Die Suche nach dem jauchzen und Jodeln

Kyung Ho Kim, Student des Maschinenbaus aus Seoul in Südkorea, hat auf seinem Weg durch Europa drei Stationen eingeplant: Wien, Salzburg, Hallstatt. Warum gerade diese drei? Kyung Ho hat wenig Zeit für Österreich, und sein koreanischer Lonely-Planet-Taschenbuchführer hält sie für die charakteristischsten Punkte des Landes.

In Wien hat ihn die Ringstraße fasziniert, in Salzburg hat er seine große Enttäuschung erlebt – Mozarts Geburtshaus war so erschreckend modern gewesen, höchstens hundert Jahre alt, vermutlich hatten die Österreicher ein neues Haus über das ursprüngliche, echte drübergebaut – aber jetzt spaziert er an einem Sonnentag durch Hallstatt, durch ein außerordentliches Städtchen in einmaliger Lage. Die Urmenschen des Neolithikums hatten hier schon Salz abgebaut und sich im Bergland, anders kann Kyung Ho sich das nicht vorstellen, vor anderen Urmenschen verschanzt.

Hallstatt liegt einmalig, eine Fjordstadt, wie von einem Raumplaner zwischen Gebirge und See hineingepasst. Kyung Ho weiß natürlich, dass sie historisch gewachsen ist. Noch vor etwas mehr als hundert Jahren erreichte man sie nur per Schiff oder über Bergpfade. Ihre Einheit verdankt sie, wie er findet, einem erstaunlichen Stilgefühl der Bewohner, vielleicht auch der weisen und mächtigen Herrschern, die keine Abweichung duldeten. Was Kyung Ho irritiert: Wieso ist Hallstatt derart ausgestorben? Salzburg bordete über vor Menschen, auch in Wien war eine Menge los. Doch die Hallstädter scheinen sich vor ihrer wunderbar frischen Luft zu verstecken. Wer lebt, denkt Kyung Ho, hinter den hübschen Holzfassaden, wer gießt die bunten Blumen?

Kyung Ho hat von den Religionswirren vergangener Jahrhunderte gelesen. Ihn erstaunt, dass sie auch hier, weitab von den politischen Zentren, wirken. Zuerst besucht er die beiden aus dem Stadtbild ragenden Gotteshäuser der verfeindeten Religionsgemeinschaften. In Korea gibt es viele Christen, doch die Unterschiede zwischen evangelischer und katholischer Kirche liegen trotzdem unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. In Kirchen überkommt ihn immer ein mulmiges Gefühl: das nackte, obszön dargestellte Fleisch des gekreuzigten Propheten dieser gewalttätigen Religion erschüttert Kyung Ho. Andererseits macht gerade das die Romantik Europas aus: seine saubere Perfektion auf der archaischen und blutigen Basis.

Er bewundert die hölzernen Christusikonen auf den Gräbern des katholischen Friedhofs. Füer jeden Hallstätter eine: Der Einzelne genießt einen hohen Stellenwert. Oder sind hier nur die Reichen begraben? Selbstverständlich besucht Kyung Ho das berühmte Beinhaus, wo ihm der Atem stockt: 1.800 Totenschädel, großteils aus dem 19. Jahrhundert, liebevoll beschriftet, mit Eichen- und Efeublättern bemalt oder mit dunklen Blumen, aufgestellt in Reihen – Kyung Ho beschließt, seiner Großmutter davon zu erzählen. Verstohlen wartet er ab, bis niemand hersieht, dann fotografiert er ein paar der Schädel. Der Platz am Hallstädter Friedhof sei knapp gewesen, erklärt sein koreanischer Lonely Planet, deshalb wurden die Skelette nach zehn Jahren exhumiert und ins Freie gelegt, dem Licht der Sonne und des Mondes ausgesetzt. Anschließend polierte man sie blank. Für Kyung Ho spiegelt sich in dieser Methode die große Denkungsart der europäischen Aufklärung.

Der Hallstädter See gehört zum Schönsten, was Kyung Ho je gesehen hat, und er kennt immerhin die Berge und Wasserflächen von Guilin. Trotz des eisigen Wassers sieht er unverzagte Schwimmer und Paare haben Tretboote gemietet. Den Lärm des 21. Jahrhunderts sucht man in Oasen wie Hallstatt vergebens, Kyung Ho fragt sich, welche politischen Beschlüsse für diese positive Entwicklung verantwortlich sind. Immerhin pflegen die Hallstädter durchaus Modernität, es gibt „Pizza to go“, und in uralten Häuschen nisten Supermärkte.

Kyung Ho ist davon überzeugt, dass die wilde, blutige Geschichte Europas an Orten wie Hallstatt eine Zurückhaltung und Feinsinnigkeit ausgeformt hat, die den Menschen zwangsläufig in eine höhere Existenzstufe führen – und von der, wie er glaubt, im weitgehend kapitalistisch dominierten Asien nirgends die Rede sein kann. Nicht umsonst gab es hier von 800 bis 400 vor Christus die „Hallstattkultur“, die weltweit berühmt wurde, und die natürlich mit Salz zu tun hatte. Kyung Ho blickt auf den rauschenden Mühlbach, den es auch damals schon gab – in welche Ursprünglichkeit hat sich hier eine Menschenansiedlung eingepasst! Den Leuten in seiner Heimat, denkt Kyung Ho, fehlt die Ruhe, die Konzentration, die Beschäftigung mit einfachen Elementen wie Blumen, Holz, Wasser.

An orten wie Hallstatt wird deutlich, wie Europa die Elemente zu zähmen lernte, und damit das Böse in Schach hält. Auf einigen Holzfassaden zeugen symbolische Hirschgeweihe, wie Kyung Ho entdeckt, von der erfolgreichen Jagd der Eingeborenen. Diese imposanten Gehänge offenbaren nicht nur die Königlichkeit der Tiere, sondern zudem den Stellenwert, den man ihnen zugesteht. Vor einem Fischlokal freut Kyung Ho sich besonders: Hier ragen Fischköpfe aus der Mauer, zeigen exemplarisch, dass die einheimischen Wasserjäger höchstes Geschick im Angeln erworben haben.

Kritikpunkte? Vielleicht ist es etwas einsam in Hallstatt, nachdem die Menschen sich aus unerfindlichen Gründen, vielleicht aus Höflichkeit, aus dem Stadtbild zurückgezogen haben. Aber Kyung Ho Kim hat jetzt Hunger und freut sich auf seinen Fisch, die lokale Spezialität heißt offenbar „Saibling“, was chinesisch klingt. Er wird ihn in aller Ruhe essen und in seinem Führer den kurzen Abschnitt über das Jodeln und Jauchzen der Einheimischen lesen. Vielleicht hat er sogar besonderes Glück und jemand jauchzt neben ihm. Er hat gelesen, das sei zwar selten, aber nicht auszuschließen.