Persepolis Iran
"Die Presse" 2008
Viele Menschen runzeln bei Ausgrabungsstätten die Stirn: „Na und? Was soll ich mit Trümmerfeldern?“ Das Ensemble von Säulen und Steinblöcken sei nur für Archäologen und Historiker von Belang. Das Interessanteste an der Anlage sei der Kiosk am Rand der Grabungsstätte. In Persepolis ist das anders. Das liegt nicht nur an der Winterpause des Kiosks. Sondern zum einen an der suggestiven Stimmung der endlosen Landschaft in der Provinz Fars, zum anderen am Steinpodest.
Das Plateau von Persepolis, 18 Meter hoch über dem Boden des Umlands auf glattem, blankem Fels, raubt den Atem. Auf der Länge von 500 und der Breite von 300 Metern dehnt sich seit 2.500 Jahren die Königsstadt aus: Exerzierplätze, Empfangshallen, Tempel, Wohnpaläste. Man erreicht sie über die imperiale Freitreppe, über deren geringe Stufenhöhe gerätselt wird sollen sich die Gehenden vor den Göttern verneigen?
Dächer fehlen in dieser Anlage ebenso wie die gesamte Innenarchitektur. In Stein gemeißelte Untiere wachen entlang der Paradestraßen, auf Reliefs kämpfen Löwen mit Einhörnern, Menschen mit Raubtieren. Die Menagerie an Mischwesen, aufgestiegen aus der Phantasie der Alten, erfüllt die Ruinen bis heute mit Leben.
Das Persepolis florierte kaum zwei Jahrhunderte: 517 vor Christus unter den Achämeniden begann die 60-jährige Bautätigkeit, 330 vor Christus brach während der Belagerung durch Alexander dem Großen der fatale Brand aus. Bis heute wird gerätselt, wieso Alexander, der Städte meist ohne Zerstörung eroberte, das Brandschatzen zuließ. Der Feuersturm vernichtete alles, legte jedoch die Grundlage für das historische Überleben: durch ihn wurden mehrere tausend beschrifteter Tontafeln gebrannt und für die Nachwelt konserviert.
Man weiß, dass die Arbeiter mit Rationen von Gerste und Wein bezahlt wurden. Auch Frauen halfen beim Palastbau, das soziale System ermöglichte ihnen sogar fünf Monate Mutterschutzurlaub nach einer Geburt. Seit 2.300 Jahren gilt Persepolis als verlassene Hauptstadt der historischen Region Fars (von den Griechen als „Persis“ bezeichnet) und Kernland iranischer Identität. Ab dem 18. Jahrhundert wurde der Ort von europäischen Reisenden beschrieben. Heute, wenn man den angrenzenden Hügel besteigt Vorsicht, der eifrige Aufseher tobt über Lautsprecher, wenn man auf Artefakten herumklettert entfalten sich die weitläufigen Plätze, stehen die Säulen in den Himmel, auf einem Paradeplatz wie die Mitte der Welt.
Doch nicht nur die alte Vergangenheit erhebt sich. Ruinen einer unbeständigeren Art, tiefer heruntergekommen, steht ein paar hundert Meter südlich des Felsplateaus ein Symbol für das 20. Jahrhundert: die Klappergestelle hunderter Aluminiumzelte. Die einst luxuriöseste Zeltstadt aller Zeiten bleibt in Erinnerung als die teuerste Seifenblase Persiens. Ins neue Jahrtausend haben sich nur die Zeltskelette gerettet. Vereinzelte Fetzen im Wind sind Reste der blau-gelben Außenplanen. Untergegangen: die Marmorbäder, die roten Plüschüberzüge, die Kristalleuchter, der Prunk der Epoche.
Mohammed Reza Pahlevi, der letzte Shah von Persien, wollte das Wunder Persepolis der ganzen Welt präsentieren. Sein eher willkürlich gewähltes Datum des 2.500-jährigen Bestehens der Persischen Monarchie fiel ins Jahr 1971. Fünfhundert Staatsgäste waren geladen, davon 60 Staatschefs. Das hunderte Millionen US-Dollar teure Spektakel sollte die Schönheit Persiens ebenso darstellen wie die große Liebe des Volks zum Monarchen.
Scharf kritisiert nicht nur von der demokratischen Opposition und Asketen wie dem zukünftigen Imam Khomeini, sondern auch von Medien in Europa und den USA, erwies sich das Galaereignis für Reza Pahlevi als dramatischer PR-Reinfall, als negativer historischer Wendepunkt. Von nun an richtete sich die Wut des Volks gegen den Herrscher und machte sich 1979 in der zunächst demokratischen, dann religiös-fundamentalistischen Revolution Luft.
Von letzterer zeugen auch heute noch überall im Lande die Propagandaplakate, doch in der Umgebung von Persepolis sind wenige davon zu sehen. Shiraz, mit 1,5 Millionen Einwohnern zweitgrößte Stadt des Iran, liegt im achämenidischen Kernland, in sechzig Kilometern Entfernung, erreichbar durch eine einstündige Taxifahrt im einstelligen Eurobereich. Die „Stadt der Rosen und Nachtigallen“ wächst wie eine Oase aus der Wüste von Fars.
Sie gilt wegen ihres gemäßigten Klimas und den breiten, baumgesäumten Straßen als Zentrum iranischer Lebensqualität. Auf dem Karim Khan-e Zand Boulevard wechseln sich Pizzalokale und Laden für frischgepresste Säfte von Karotten bis Kiwi ab. Die Shoppingader, kurz „Zand“ genannt, endet hinter der Zitadelle in einem verwinkelten Bazar. Mobile Essstände bieten Kichererbsen und Bohnentöpfe mit scharfen Saucen in Plastikbechern an. Shiraz ist zudem ein Pilgerort für Intellektuelle. In hübschen Gärten liegen die Gräber seiner berühmten Dichtersöhne Saadi (13. Jahrhundert) und Hafiz (14. Jahrhundert). Letzterer lobte in seinen Versen die Freiheit und den Wein der berühmten Shiraz-Rebstöcke, beides prekäre Güter, zu denen das derzeitige Regime ein gebrochenes Verhältnis pflegt.
Persepolis ist eine historische Ausgrabungsstadt ohne Übernachtungsmöglichkeit. Gute Unterkunftmöglichkeiten in Shiraz die meisten Hotels befinden sich in der Nähe des Karim Khan-e Zand Boulevard. Inlandsflüge von Teheran (ca. 700 Kilometer Entfernung) mit Iran Air. Die Austrian fliegt von Wien nach Teheran, www.austrian.at.